Adlehm's Blog

15/06/2011

Der dritte Lernort – Überbetriebliche Kurse

Die heutige Berufslehre in der Schweiz ist als duale, mehrheitlich aber triale Ausbildung an 2 bzw. 3 Lernorten (in 2 bis 4 Jahren Dauer) angelegt. Das Bundesgesetz über die Berufsbildung weist diesen spezifische Aufgaben zu:

  1. Der Lehrbetrieb: vermittelt die „Bildung in beruflicher Praxis“ in 60-80 Prozent der Ausbildungszeit.
  2. Die Berufsfachschule: vermittelt die „allgemeine und berufskundliche schulische Bildung“ in der Regel in ein bis 2 Tagen pro Woche.
  3. Die überbetrieblichen Kurse: dienen der „Ergänzung der Bildung in beruflicher Praxis und schulischer Bildung, wo die zu erlernende Berufstätigkeit dies erfordert“.

Diese zusätzlichen Veranstaltungen von wenigen Wochen verteilt über die ganze Lehrzeit finden zumeist in Ausbildungszentren statt, die von den OdA (Berufs- und Brancheverbänden) getragen werden. „Sie beurteilen zusammen mit den Verbundpartnern (Lehrbetrieb, Berufsfachschule), welche Ausbildungselemente (Inhalte usw.) der beruflichen Grundbildung weder von der Schule noch vom Lehrbetrieb alleine kompetent gefördert werden können. Sie stellen ebenso die Fachleute aus der Praxis für die Kurse zur Verfügung. Dauer und Verteilung der ÜKs variieren von Beruf zu Beruf und werden deshalb im Bildungsplan des jeweiligen Berufes festgelegt.“

Dieser sogenannte dritte Lernort dient letztlich dem Theorie-Praxis-Abgleich und der Zusammenführung von schulischem und praktischem Wissen „in Arbeiten mit einem hohen Komplexitätsgrad und zwar ausserhalb der unmittelbaren Produktion“ des Lehrbetriebes. Die Lernenden dürfen hier Fehler machen und durch Reflexion darüber lernen. Anhand verschiedener Problemstellungen sollen die Lernenden Grundlagenwissen und Regelwissen in prasixnahen Situationen anwenden lernen. Zudem können sie ihr aktuelles Praxis-Wissen aus dem Betrieb vertiefen und nachträglich in grössere Zusammenhänge einordnen sowie schulisches theoretisches Hintergrundwissen praktisch umsetzen.

„Neben dieser didaktischen Diskussion wird für manche Berufe der gesetzliche Auftrag extensiv ausgelegt, und die üK werden dazu eingesetzt, Lücken in der Ausbildung von Lernenden zu schliessen, die eine Folge der Spezialisierung mancher Betriebe sind.“

(vgl. E. Wettstein, P. Gonon: Berufsbildung in der Schweiz)

Bereits während unseres Lerngruppenauftrags zur Durchführung einer speziellen Fallstudie zur Ausbildung einer Pharma-Assistentin, hatte mich die Umsetzung der überbetrieblichen Kurse interessiert. Nachstehende Dokumente verdeutlichen wie diverse berufsbezogene Themen und Kompetenzen anhand verschiedener Problemstellungen den Lernenden in praxisnahen Situationen persönlich relevant vermittelt werden können, wie z. B. der Suchtpatient, Reise- und Impfauskünfte, Anmessen von Stützstrümpfen, Beratung zu Zecken und Läusen. 🙂

üK_Einladung_1. Lehrjahr

üK_Einladung_2. Lehrjahr

üK_Einladung_3. Lehrjahr

Bildungsberichte zu üKs

Bildungsplan_Pharmaassistentin_üKs_Seiten54+55

11/06/2011

Berufsbildung – eine Verbundaufgabe

 Im  Gegensatz zu Deutschland, wo jedes Bundesland sein eigenes Bildungs-Süppchen kocht, ist in der Schweiz die schrittweise Reformierung der Bildungslandschaft hin zu einem konkurrenzfähigen modernen Bildungssystem eine nationale Aufgabe, bei der auch viel Geld in die Hand genommen wird.

Die Berufsbildung ist hierbei eine Verbundaufgabe von Wirtschaft und Staat, insbesondere von

  1. Bund
  2. Kantonen und
  3. Organisationen der Arbeit (OdA).

Die Berufsbildung untersteht hier somit dem Eidgenössichen Volkswirtschaftsdepartement (EVD), genauer gesagt dem Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT). Der Bund übernimmt die strategische Steuerung und Entwicklung und leistet bis zu 25 % der Kosten, die die öffentliche Hand trägt. Er erlässt alle Bildungsverordnungen (BIVO), die jeweils genau definieren, was den betreffenden Beruf ausmacht und was die Bildungsinhalte sind. Es gibt 256 reglementierte Berufe mit EFZ-Abschluss und 54 Anlernberufe mit EBA-Abschluss.

Die Kantone übernehmen die Umsetzung der Berufsbildung und die Lehraufsicht, finanzieren die Berufsfachschulen (BFS) und tragen weitere Kosten der öffentlichen Hand abzüglich der Beiträge des Bundes und einiger Gemeinden.

Die entsprechende Dienststelle zum Vollzug der Vorschriften über die Berufsbildung ist das Amt für Berufsbildung und Berufsberatung des jeweiligen Kantons. Es übernimmt hier wichtige Funktionen, u.a.:

  • Berufs- und Studienberatung
  • Lehraufsicht
  • Überprüfen von Lehrverträgen auf Einhaltung des Arbeitsrechts
  • Organisation der Lehrabschlussprüfungen mit EFZ und Stellen der Prüfungskommissionen
  • Entrichten der Schulgelder (auch an ausserkantonale BFS für Auszubildende in seltenen Berufen, welche im eigenen Kanton nicht angeboten werden können, z.B. Exoten wie Sennensattler oder Korbflechter)
  • Erteilung von Ausbildungsbewilligungen an Betriebe

Details zum Kanton Thurgau lassen sich beim ABB Thurgau erfahren.

Die OdA (Berufsverbände und Branchenorganisationen) übernehmen Steuerungsaufgaben der eigentlichen Ausbildung für ihre Mitgliedsbetriebe betr. Bildungsinhalte und Ausbildungsplätze und beteiligen sich u. a. an den Kosten der überbetrieblichen Kurse (üK).

Der Lehrbetrieb übernimmt die Kosten der betrieblichen Bildung (Lohn, Aufwendungen für Arbeitsplätze, Entschädigung für Aufwendungen des Lernenden).

Andererseits tragen die Berufslernenden zum grössten Teil selbst zur Kostendeckung ihrer betrieblichen Ausbildung bei – nämlich durch den Erlös ihrer produktiven Arbeit.

Die Kosten-Nutzen-Rechnung geht für alle Beteiligten auf: die jungen Lernenden erwerben Berufs- und Handlungskompetenz, die Betriebe sichern sich ihren Nachwuchs und die Wirtschaft bleibt konkurrenzfähig.

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