Adlehm's Blog

16/05/2011

Exkursion ins Schweizer Bildungssystem (Teil III) – Die Berufsmaturität

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Die Berufsmaturität (Berufsreifeprüfung) – auch „Fachhochschulreife / fachgebundene Hochschulreife“ genannt – wurde 1994 eingeführt als Brücke zwischen der Berufsbildung und der akademischen Bildung. Berufslernende oder Berufsleute können so eine erweiterte und vertiefte Allgemeinbildung in Ergänzung zu ihrer beruflichen Grundausbildung erwerben. Die Absolventen erhalten eine eingeschränkte Zugangsberechtigung für ein fachgebundenes / facheinschlägiges Studium an einer Höheren Fachschule (HF) oder Fachhochschule (FH) – nicht zu verwechseln!

Wer nicht nur fachgebunden studieren möchte, kann nachträglich mit dem erfolgreichen Bestehen einer Ergänzungsprüfung – genannt „Passerelle“ – auch die Studienberechtigung für alle Universitäten oder ETH erwerben.

Die berufliche Grundbildung einschliesslich Berufsmaturität wird im Berufsbildungsgesetz (BBG) gültig seit 1. Jan. 2004, ergänzt durch die Berufsbildungsverordnung (BBV) vom 19. Nov. 2003 sowie die Berufsmaturitätsverordnung (BMV) vom 24. Juni 2009 geregelt. Das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT) ist für die Weiterentwicklung der Berufsmaturität zuständig.

Die „Berufsmaturität“ (BM) lässt sich in verschiedenen Ausbildungsgängen erwerben:

BM HMS: Die 4-jährige Ausbildung an einer Handelsmittelschule – auch „Wirtschaftsmittelschule“ bezeichnet – bietet mit dem Modell 3 + 1 (3 Jahre schuldominierte Grundbildung + 1 betriebliches Praxisjahr) eine berufsorientierte kaufmännische Vollzeitausbildung, die zunächst mit dem Eidgenössischen Fähigkeitszeugnis (EFZ) „Kaufmann / Kauffrau“ (früher „Handelsdiplom“) zu einem Berufsabschluss führt. Darüberhinaus kann die kaufmännische Berufsmaturität erworben werden.

BM IMS: Informatikmittelschulen sind spezielle Lehrgänge der HMS und „entstanden Ende der Neunzigerjahre, als rasch mehr Ausbildungsplätze für Informatiker/innen gebraucht wurden“ (E. Wettstein, P. Gonon: Berufsbildung in der Schweiz, 2009). Sie führen ebenfalls zu 2 Abschlüssen, dem Berufsabschluss EFZ „Informatiker/in“ und der kaufmännischen Berufsmaturität.

Die Berufsmatura kann auch an einer Berufsmaturitätsschule – der allgemeinbildenden Abteilung der Berufsfachschulen – absolviert werden, entweder als:

BM 1: lehrbegleitende Berufsmatura

Sie ist an eine Lehrstelle und einen Lehrvertrag gebunden. Sofern der Lehrbetrieb einverstanden ist, kann während der beruflichen Grundbildung (3- bis 4-jährige Lehre) bei einer Abwesenheit vom Lehrbetrieb von ca. 2 Tagen pro Woche sowohl der Berufskundeunterricht der Berufsfachschule (1 Tag) und der allgemeinbildende Unterricht an der BMS besucht werden. Es gibt keine Probezeit, jedoch kann die Promotion ins nächste Semester einmal provisorisch erfolgen, wenn der Lernende unter dem Notendurchschnitt liegt.

oder BM 2: als Tagesschule nach bereits erfolgtem Lehrabschluss und Erhalt des jeweiligen EFZ

a) in einem Vollzeitlehrgang von 2 Semestern oder

b) berufsbegleitend in 3 bis 4 Semestern.

Lernende der BM 2 habe ich in meinem BP-Praktikum an der BMS Winterthur als besonders leistungsbereit und motiviert erlebt. Diese jungen Erwachsenen finanzieren sich zu grossen Teilen selbst und wollen ihre Lernziele effektiv erreichen.

Für die verschiedenen Berufsbereiche gibt es 6 unterschiedliche Richtungen der Berufsmatura. Abhängig vom Lehrberuf absolviert ein Berufslernender entweder die eine oder andere BM mit unterschiedlichen Bildungsschwerpunkten und dementsprechend anderer Gewichtung von Fächern und verschiedenen Stundentafeln.

1.      Technische BM   (z.B. Elektroniker, Konstrukteur, Informatiker, Automatiker, …)

2.      Gewerbliche BM   (z.B. Bäcker, Drogist, Hotelfachfrau, Maurer, Metzger, …)

3.      Kaufmännische BM   (z.B. Kauffrau, Detailhandelskauffrau, …)

4.      Gesundheitliche und Soziale BM   (z.B. Dentalassistentin, medizin. Praxisassistentin, …)

5.      Naturwissenschaftliche BM   (z.B. Landwirt, Forstwart, Tierpfleger, Biologielaborant, …)

6.      Gestalterische BM   (z.B. Hochbauzeichner, Coiffeuse, Bekleidungsgestalter, …)

An der BMS Winterthur werden die Schüler entsprechend ihrer Berufsrichtung in „integrierten Klassen“ zusammengefasst, was ein effektives berufzielorientiertes Unterrichten durch Synergien ermöglicht. Was mein Unterrichtsfach Englisch betrifft, stellte ich fest, dass die Klassen der Gesundheitlich-Sozialen BM in allen 3 BMS-Lehrjahren jeweils 40 Lektionen erhalten, hingegen die Klassen der Technischen BM doppelt so viele im 2. Lehrjahr.

Zudem werden bei der Kaufmännischen BM die Sprachen neben Wirtschaft und Recht stärker betont als in den anderen Richtungen.

Der BMS-Unterricht kennt für alle Richtungen die gleichen 6 Grundlagenfächer: erste Landessprache, zweite Landessprache, eine dritte Sprache (z.B. Englisch), Geschichte/Staatslehre, Volks-/Betriebswirtschaft/Recht und Mathematik. Zudem gibt es die oben erwähnten richtungsspezifischen Schwerpunktfächer und Ergänzungsfächer. Das sind Wahlpflichtfächer, z.B. auch die Vorbereitung auf das First Certificate in English.

Um Interdisziplinarität zu fördern, wird Projektarbeit durchgeführt (z.B. Themennachmittage bzw. Projektwochen), wobei Kenntnisse und Fertigkeiten aus verschiedenen Fachbereichen einfliessen und auch eine eigenständige schriftliche Abschlussarbeit erstellt wird.

Vorteile der Berufmaturität:

  • mehrdimensionales Ausbildungsprofil, dass berufliche Ausbildung mit akademischer Bildung verbindet
  • wertvolle Doppelqualifikation in Verbindung mit dem EFZ
  • breite naturwissenschaftliche und sprachliche Allgemeinbildung, Grundlagen der Sozial-, Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften
  • hoher Praxisbezug
  • Lernende im Berufsleben mit erhöhter Sozial- und Selbstkompetenz (durch persönliche Reife, praktische Erfahrung und Unabhängigkeit)
  • steigert die Arbeitsmarktfähigkeit und Karrierechancen der Absolventen.

Hier noch zusammende Darstellungen:

zur  Berufsmaturität und

zum „Ausbildungsdschungel Bildungssystem Schweiz“, der aber nur vordergründig so verwirrend aussieht. Bei näherer Betrachtung kann man feststellen, dass das ganze System nicht starr, sondern in stetiger Weiterentwicklung begriffen ist und überall Wegabbiegungen und Durchlässigkeit in andere Ausbildungsgänge zulässt. Ein solches Bildungssystem, was mit der Zeit geht und lebenslanges Lernen fördert und fordert, würde ich mir auch sehr für Deutschland wünschen.

03/04/2011

„Non vitae, sed scholae discimus – Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir.

… Es wäre besser, wir könnten unserer gelehrten Schulbildung einen gesunden Menschenverstand abgewinnen …“

Hat sich seit dieser Kritik von Seneca an der Philosophenschule seiner Zeit bis heute etwas geändert? Schüler und Eltern beklagen immer wieder das Lernen für Noten unter Leistungsdruck von Lernstoff, der mit der realen Welt draussen wenig zu tun hat …

Im Rahmen des Berufspädagogik-Moduls an der PHTG hatten wir am 04. März 2011 die Möglichkeit, die SBW Neue Medien AG in Romanshorn zu besuchen (im weiteren vereinfacht abgekürzt als SBW).

Das Ausbildungskonzept stützt sich auf die bekanntere verdrehte Version des Zitats „Nicht für die Schule, sondern für‘ s Leben lernen wir“. Das Hauptziel heisst „fit for life“. Es geht dabei um „Erfolgs-, Lebens- und Handlungskompetenz, (UNESCO-) Schlüsselqualifikationen, Projektarbeit und Arbeitsmarktfähigkeit“ als Grundforderung der Ausbildung von Berufslernenden.

Hier die detaillierten Empfehlungen der Unesco zur Vermittlung von lebensorientierten Kompetenzen in der Sekundarschule: Unesco Life Skills.

Die SBW ist keine Schule, sondern eine Firma, und dennoch ein „Haus des Lernens“, denn sie integriert zugleich die Berufschule (BFS) und die Berufsmaturitätsschule (BMS) unter einem Dach.

Diese moderne, zukunftsorientierte Lehr-Firma (Lehrwerkstätte) definiert sich als Kompetenzzentrum für Berufsbildung im Bereich der neuen Medien und bildet MediamatikerInnen aus. Diese neue Berufslehre des Internetzeitalters beinhaltet ein ganzes Kompetenzportfolio, d.h. befähigt zur Arbeit als Generalist in den Bereichen Informatik, Multimedia, Gestaltung / Design sowie Kommunikation einerseits und bietet zusätzliche Ausbildung im kaufmännischen Bereich, Projektmanagement sowie Marketing und Administration. Interdisziplinarität / Flexibilität im Berufsleben ist heute ein wichtiges Asset eines Bewerbers um eine Stelle und für Firmen ein grosser HR-Vorteil, um nicht viele einzelne „Fachidioten“ anstellen zu müssen. Mediamatiker können PCs und Netzwerke betreuen, kreieren und unterhalten Websites, entwerfen Bildschirm-Präsentationen, erstellen Druckmedien, z. B. Broschüren, Kataloge, Magazine und Karten etc. Andererseits übernehmen sie auch Tätigkeiten im Marketing und der betrieblichen Verwaltung (Finanzwesen, Buchhaltung, Korrespondenz, Tabellenkalkulation etc.). Es ist ein zentraler Schnittstellen-Beruf als Vermittler zwischen neuester IT-Technik und dem Menschen auf der Anwenderseite.

Diese 4-jährige Ausbildung bei der SBW ist zweistufig: In den ersten 2 Basisjahren erlernen die Auszubildenden in-house die Grundlagen des Mediamatiker-Berufs, und zwar am Vormittag in lehrerzentriertem theoretischen Unterricht (Input-Konzept), der auch die Überbetrieblichen Kurse integriert. Am Nachmittag dann wird die Lehrtheorie in realen Kundenprojekten praktisch umgesetzt (Projekt-Lernen). Sie erlernen hier das Projektmanagement in Projektteams von 4 und mehr Lernenden, in welchen sie zu ganz realen Dienstleistern der verschiedensten Kunden aus Wirtschaft, Kultur, Lokalpolitik etc. werden, die z.B. gegen Bezahlung einen Web-Auftritt, Video-, Foto- oder Audioproduktionen, Flyer, Plakate, Broschüren, Datenbanken, Programmierungen usw. wünschen. Andererseits werden auch Wohltätigkeitsprojekte übernommen.Die Berufslernenden durchlaufen in ihren verschiedenen Projektteams alle Funktionen mindestens ein Mal: Projektleiter, Programmierer, Graphiker, … und übernehmen so frühzeitig Eigen- und Teamverantwortung. Sie lernen das konstruktive Kundengespräch und elaborieren die Kundenwünsche in einem Projektkonzept, erstellen einen Meilensteinplan zur zeitlichen und technischen Projektumsetzung, berücksichtigen dabei das vorgegebene Budget und arbeiten termingetreu (selbst Nachtschichten sind manchmal fällig) … – alles in allem wie in einem realen Wirtschaftsunternehmen.

Dementsprechend sind sie in den 2 Folgejahren dann bereits ausser Haus „lebensfähig und produktiv einsetzbar“.  Sie werden für das 3. und 4. Lehrjahr an einen der ca. 50 Verbundlehrbetriebe (sogenannte „Junior Job Companies“ ausgeliehen, wobei es eine Besonderheit ist, dass der Berufslernende keinen Lehrvertrag mit diesem Betrieb hat, sondern weiterhin von der SBW betreut wird, wofür diese Transferzahlungen vom „ausleihenden“  Betrieb erhält. Stattdessen trifft die SBW mit dem Partnerbetrieb eine „Vereinbarung über eine Betriebslehrjahrsstelle“ für den Schützling. Bereits gegen Ende des 2. Lehrjahres gibt der Berufslernde schrittweise seine Projektverantwortung an die nachkommenden aus dem 1. Lehrjahr ab und bereitet sich speziell auf seine Tätigkeit in diesem Verbundbetrieb vor. Dort erfährt er eine differenzierte Ausbildung und Spezialisierung und lernt weitere Teilbereiche des Berufes kennen, die in der „Lehrwerkstätte“ SBW so 1:1 nun wieder nicht simuliert werden können. Im 3. Lehrjahr ist der Beruflernende nur noch einen Tag an der  BMS, d.h.  4 Tage im Lehrbetrieb, und im 4. Lehrjahr schliesslich vollständig 5 Tage pro Woche an der Betriebslehrstelle tätig. Dieses Dreierkonstrukt ist eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten. KMU’s verfügen zumeist nicht über ausreichende finanzielle und personelle Ressourchen als Ausbildungsbetrieb und können so das Risiko in die Hände der SBW Neue Medien legen, die den Auszubildenden in einem Gesamtkonzept von Theorie und Praxis aus einem Guss erfolgreich zum Ausbildungsziel führen kann. Die Verbundbetriebe profitieren von den sofort einsetzbaren auf sie zugeschnittenen Fähigkeiten des Lehrlings und werden ihn zumeist nach Abschluss der Lehre auch übernehmen. Davon profitieren natürlich auch die Lehrlinge. Sie lernen in einer geschützten, begleiteten Umgebung. Auch sollte es in einem Verbundbetrieb nicht so recht funktionieren, wird der Lernende von der SBW „zurückgenommen“ bis eine neue externe Betriebslehrstelle gefunden ist.

Die Ausbildung führt zum fomalen Abschluss als Mediamatiker mit eidg. Fähigkeitszeugnis (EFZ). Zwei Drittel aller Lernenden schaffen zusätzlich auch die integrierte technische Berufsmatura und erhalten das eidg. Berufsmaturiatäszeugnis als Leistungsnachweis. Dieser berechtigt zum weiterführenden Studium an einer Fachhochschule, z.B. im Bereich Mediengestaltung. Generell sind die Berufschancen in diesem jungen Berufsbild des Mediamatikers sehr gross, da es in der Schweiz an gut ausgebildeten Fachpersonen im ICT-Bereich mangelt.

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Einige  Besonderheiten des Ausbildungskonzepts im Unterschied zur traditionellen dualen Berufsausbildung sind hier zusammengefasst:

  • Alle 3 Lernorte (BFS / BMS = Schule, Betrieb = Organisation der Arbeit und ÜKs) befinden sich hier unter einem Dach und nicht wie üblicherweise getrennt voneinander. Theorie kann gleich vor Ort in Praxis transferiert werden. Es ist ein kurzer Weg zwischen Schule und Lehrbetrieb / Lehrwerkstätt, was einerseits 1:1 operationalisierte Lernziele ermöglicht und andererseits auch Reibungskräfte vermindert und Synergien zulässt.
  • Von Anbeginn der Lehre übernehmen die Berufslernenden Projektverantwortung „on the job“: akquirieren und bedienen reale Kunden und finden individuelle unkonventionelle ICT-Lösungen für deren Wünsche. Sie lernen zeitnah, dass ihr Lernen und Handeln Konsequenzen hat und bei Erfolg belohnt wird. Andererseits stärkt dies wiederum ihr Selbstkonzept in das Gelingen dessen, was auch immer sie strukturiert und kreativ zugleich angehen. Sie wachsen mit den Herausforderungen, und werden später im Berufs- und Privatleben nicht gleich zusammenbrechen, wenn sich unerwartet ein Berg von Problemen oder Herausforderungen (je nach Sichtweise) vor ihnen auftürmt.
  • Projektarbeit ermöglicht prozessorientiertes situatives Lernen, anstelle von reinem Faktenwissen.
  • Es besteht ein „Götti-System“: Jedem Lernenden des 1. Lehrjahres ist ein Lernender des 2.Lehrjahres als Pate zur Seite gestellt, der ihn im Lernen begleitet, Hilfe und Unterstützung bietet, aber ebenso auch eine Kontrollfunktion ausübt.
  • Die Lehrpersonen sind gleichzeitig auch Ausbilder und fungieren als Coach bzw. Lernbegleiter. Sie stehen vom Schulbeginn am Morgen bis zum Arbeitsschluss am Abend (oder auch während den gelegentlichen Nachtschichten als Ansprechpartner zur Verfügung). Generell soll autonomes Lernen gefördert werden.
  • In den beiden ersten Lehrjahren erhält der Berufslernende keine Ausbildungsvergütung, sondern einen leistungsabhängigen Lohn. Dazu gehört auch, dass die Lehrlinge ihre geleisteten Projektstunden beim Finanzchef melden – einerseits damit diese auf das jeweilige Projekt verrechnet werden können, andererseits damit sie selbst auch ihren Lohn erhalten. In den folgenden 2 Betriebslehrjahren wird der Lohn mit dem externen Verbundbetrieb ausgehandelt.  Bereits in der Ausbildung erfahren die Lehrlinge den Zusammenhang zwischen Leisung / Input und Bezahlung /Output sowie monetäre Leistungsanreize der Arbeitswelt.

Trotz vieler Besonderheiten wird die BFS / BMS im Rahmen eines Leistungsauftrages durch den Kanton Thurgau finanziert, ist also für Lernende und Eltern gratis – abgesehen von einer Betriebspauschale von CHF 1500 pro Basislehrjahr, der Einschreibegebühr und den Lehrmaterialien inkl. Notebook und Programme von ca. CHF 2000. Die Ausbildung unterliegt den Richtlinien des Bundesamtes für Berufsbildung und Technologie (BBT). Die Kosten für die betriebliche Bildung werden durch die Transferzahlungen der Betriebslehrjahrsfimen und die selbst erwirtschafteten Erträge aus den Kundenprojekten finanziert.

Was mir besonders gefallen hat, war die Art der aktiven verantwortungsvollen Partizipation der Lernenden an ihrer Berufslehre. Konsequenterweise werden sie in-house auch als „Lernpartner“ bezeichnet. Weiterhin haben sie Mitspracherecht bei der Planung der Studienreisen, aber ebenso in der Firmenführung und übernehmen hier sogar wichtige Funktionen. 3 Lernende sind zugleich Mitglieder der Geschäftsleitung und nehmen an den wöchentlichen GL-Sitzungen teil, z. B. als Leiter Finanzen.

Wir durften dem wöchentlichen „Time-Out“ beiwohnen und konnten auch dort eindrücklich sehen, wie Partizipation tatsächlich gelebt wird. Diese einstündige Wochenreflexion mit allen Lernenden, die immer freitags abgehalten wird, ist eine Art „Mitarbeiterversammlung“, in der sich die Lernenden als Verantwortliche ihrer Projekte und als Gesamtteam der SBW Neue Medien AG gegenseitig Rede und Antwort stehen und ein Gefühl der Zugehörigkeit geben. Hier werden Informationen über neue Kollegen, Termine, neue Projekte, Erfolge und Niederlagen in laufenden Projekten sowie Kernbotschaften für das weitere Vogehen als Firma kommuniziert. Die Lernpartner traten hier sehr kompetent, verantwortungsvoll und souverän auf und entwickelten auch spontan unerschrocken professionelle Antworten auf die Fragen unserer Besuchergruppe von angehenden Lehrkräften. Sie waren in der Lage auch längeren ausschweifenden Fragestellungen gut zuzuhören und zu verstehen, um anschliessend freundlich, sachbezogen, kurz und prägnant Auskunft geben. Da kann sich manch ein Erwachsener noch etwas abschauen. Das Konzept der Persönlichkeitsbildung (Sozial- und Selbstkompetenz), neben Fach- und Methodenkompetenz geht an der SBW ganz augenscheinlich auf.

Die Bezeichnung „time out“ hat hier einen doppelten Sinn. Einerseits ist eine „Auszeit“ gemeint und andererseits wohl auch „Zeitbeschränkung oder Fehler“ im Sinne der Programmierung und Netzwerktechnik. Dementsprechend konnten wir miterleben, wie in dieser Mitarbeiterversammlung auch kleinere und grössere Katastrophen erörtert und positives Fehlermanagement angegangen wurde. Fehlermachen gehört zum Lernen dazu, entscheidend ist nur, was man daraus lernt und wie man mit den jeweiligen Konsequenzen konstruktiv umgeht. Die SBW begreift sich selbst auch als Kompetenzzentrum für Fehlermanagement.

Desweiteren können die Lernpartner ihre Lernumgebung nicht nur inhaltlich, sondern auch was die Räumlichkeiten betrifft, selbst mitgestalten – sei es die gemeinsame Küche, die einladende Sitzecke zum Ausspannen und Reflektieren des Gelernten oder auch das Mobiliar – wie Glastische mit Baumstümpfen als Unterbau. Der grosse offene Lernraum hingegen, in dem sich alle Projektarbeitstische der Lernenden und auch die Arbeitsplätze der Lernbegleiter befinden, erinnert an ein simuliertes Grossraumbüro. Früh übt sich, wer dies später auch hinnehmen muss. Manch ein Lernender wird sich wohl etwas mehr Privatssphäre wünschen und hat die Kopfhörer vielleicht nicht nur auf, weil er gerade an einer Audioproduktion bastelt.

Die Lernkultur im Bildungsunternehmen SBW wird als Fraktal (Objekt, dass aus mehreren verkleinerten Kopien seiner selbst besteht bzw. selbstähnliche Strukturen) und 4 elementaren Teilen / Prämissen umschrieben:

  • Autonome Lernformen
  • Gestaltete Umgebung
  • Respektvoller Umgang
  • ins Gelingen vertrauen.

Das Bildungskonzept lässt sich mit den folgenden Worten zusammenfassen: selbstverantwortliches, praxis- und projektorientiertes „learning by doing“ der Lehrlinge in einer offenen, gemeinsam gestalteten, atmosphärisch beruhigenden Umgebung, mit autonomen Lernformen wie das Lern-Atelier, mit Schülerpartizipation und wertschätzender Kommunikation auf Augenhöhe mit dem Lernbegleiter / Coach. Eine positive Lernatmosphäre ermöglicht sowohl gegenseitiges Vertrauen, als auch das des Lernenden in sich selbst und das Gelingen von Lernen.

Trotz der guten Absicht, Lernende optimal auf das reale Leben da draussen vorzubereiten, ist nicht zu verkennen, dass die „Lernpartner“ sehr viel Freizeit, Herzblut und Disziplin – sprich eigenen, aber von aussen vorgelebten Leistungsdruck – in diese Ausbildung einbringen, um für Kundenwünsche Tag und Nacht abrufbereit zu sein. Trotz meiner Begeistererung für das Ausbildungskonzept gleich nach dem dortigen Besuch – eben gerade wegen der Realitätsnähe, muss ich heute dennoch rückblickend reflektieren, dass mir das Element der Entschleunigung bei der Entwicklung von Kindern und jungen Erwachsenen bei den Prämissen des Lernhauses im  „Menschenbild – Fraktal“ vielleicht doch etwas zu kurz kommt. (Ich ziele dabei auch auf die Formulierungen im Mission Statement 2011: „Excellenz = Geschwindigkeit x Präzision“ und „Ich leiste meinen Teil, damit die Erwartungen unserer Kunden übertroffen werden“). Das könnte man in regelmässigen anonymen Schüler-Feedbacks aber sicher noch genauer eruieren, und zwar mit der Leitfrage im Hinterkopf: Sind Kinder denn kleine Erwachsene?

Lernen ist eine Funktion der Zeit und Leistungsdruck eher kontraproduktiv.

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