Adlehm's Blog

06/05/2011

Lernziel „Lernen“

Wie definiere ich Lernen als Weg und Ziel unter der Prämisse meines Menschenbildes von Authentizität im Lehrberuf?

Meine ehemalige Lehrerin für Deutsch und Russisch auf der Abiturstufe (Matura), die mir bis heute als Original in Erinnerung geblieben ist und prägenden Einfluss auf meine Weiterentwicklung hatte, schrieb in meine Aphorismen-Sammlung (die früher auch als „Poesiealbum“ bezeichnet wurde):

„Jung sein heißt Flügel haben,

aber Flügel hat man, um zum Ziele zu fliegen und dabei alle Kräfte auszubilden,

Geist und Liebe und Leistung und Sinn für die Schönheit des Lebens“

 (Stefan Zweig)

Lernen ist ein Prozess und eine Funktion der Zeit; das geht nicht so hoppla, hopp von heute auf morgen. Es ist ein Entdeckungsflug, auf dem der Lernende individuell die verschiedenen Facetten des Lebens kennenlernt und ausprobiert, seinen ganz eigenen Charakter ausprägt und seine Stärken langsam ausbaut. Der Weg ist schliesslich das Ziel. Und jeder hat seine ganz eigene Route.

Schliesslich soll Lernen auch nicht nur egoistischer Selbstzweck  sein und als reine Leistungserbringung bewertet werden. Es sollte auch der sozialen Gemeinschaft nützen, weshalb ausser Wissen ebenso Mitgefühl, Teamgeist und Zivilcourage wichtige Lernparameter sind. Last but not least muss Lernen auch Spass machen. Das tut es am ehesten, wenn es mit dem Lernenden selbst, seinem Vorwissen, Vorstellungen und Wünschen etwas zu tun hat, so dass es schliesslich seiner „authentischen Entwicklung“ dient und somit zum höchst möglichen Mass an Welt- und Selbsterkenntnis führt.

In diesem Sinne betrachte ich sowohl „meine Schüler“ als auch mich selbst „die Lehrperson“ als stetig LERNENDEN. So werde ich einerseits versuchen, die vorgenannte Prämissen weitestgehend in meinem Unterricht zu Gunsten der Schüler zu berücksichtigen. Andererseits werde ich selbst darum bemüht sein, die Aufgabe des Lehrens als eigene spezielle Lernsituation mit jeweils vorgegebenen äusseren Parametern, als weitestgehend individuell lehrreich und ressourcen-orientiert zu gestalten.

„Wir fassen Didaktik vorläufig als Reflexion der Aufgabe,

durch Auswahl und Anordnung von Lehrgehalten

einen Brückenschlag zu bewerkstelligen

zwischen der Welt mit ihren Leistungs- und Tradierungsansprüchen auf der einen

und dem Menschen mit seinem Bildungsanspruch auf der anderen Seite“

(ZABECK 1968, S. 103)


Nach der Lektüre von Kersten Reichs „Konstruktivistische Didaktik“ fasse ich diese als einen ethischen Weg zum Ziel des Lernen lernens auf, welcher „gehirn-gerecht“ nach Vera F. Birkenbihl gepflastert sein sollte, und gleichzeitig eine interessante „Wegführung“ anbietet, die für den „fahrenden Gesellen“ emotional ansprechend und persönlich herausfordernd ist sowie Wegabbiegungen auf neue Pfade offen lässt. „Viele Wege führen nach Rom.“ Und wer reist schon gern allein? Es macht viel mehr Spass, die Welt gemeinsam zu entdecken und sich über das Erlebte mit anderen auszutauschen und sich darüber selbst zu (er)finden.

Entsprechend versuche ich in allen Unterrichtsphasen, die 5 elementaren Handlungsstufen nach John Dewey und ebenso die verschiedenen Handlungsebenen (Realbegegnung, Repräsentation, Reflexion) und Perspektiven wie sich Lernen vollzieht (konstruktiv, re- und dekonstruktiv, kreativ, sozial, situiert, emotional und individuell) zu berücksichtigen.

Da konstruktives Lernen Zeit kostet, können Kunstgriffe im Sinne von „blended learning“ bemüht werden, d. h. Lernphasen in denen die sehr motivierten Schüler nicht unbedingt im Klassenzimmer präsent sein müssen, sondern selbständig individuelle Lernjob-Hausaufgaben-Reisen (z.B. zur Informationsrecherche / e-lerning) zwischen einzelnen Lektionen unternehmen. Alle Phasen sollten sinnvoll aus dem Kontext aufeinander aufbauen und zu einem stetigen Wachstum an Lernmöglichkeiten, Handlungsperspektiven und vielfältigen Lernergebnissen führen.

Ich begreife die Konstruktivistische Didaktik nunmehr als eine Ermöglichungsdidaktik, in der die Lehrperson als Begleiter und Initiator von Lernprozessen und Erfolgserlebnissen zwar Lernsituationen ermöglicht, selbst aber in den Hintergrund tritt, indem sie nur minimal Instruktionen erteilt. Demgegenüber konzentriert sich das Lernen an sich beim Schüler selbst als Experte seiner persönlichen „Lernbegierden“. Er wird in möglichst allen Phasen des Unterrichts selbst aktiv –  in verschiedenen Sozialformen: entweder individuell oder interaktiv mit den Mitschülern und lernt schlussendlich die Unterrichtsinhalte handlungsorientiert im Kontext über die Erstellung sinnvoller Lernprodukte (z.B. Poster, Essay, Blog …). Zudem sollten verschiedene Ressourcen und Methoden zum Einsatz kommen (Arbeitsblatt, LMS, Poster, Präsentation, Video, Web 2.0-Elemente, …).

Checkliste Unterrichtsplanung basierend auf:

  • Kersten Reich’s „Konstruktivistische Didaktik“
  • John Dewey’s „Fünf Stufen des Lernens“
  • Howard Gardener’s „Multiple Intelligenzen“


1 Kommentar »

  1. Hallo Adda,
    mit Interesse habe ich Deine Ausführungen zum Lernen und die schönen Zitate gelesen!

    Ich bin im Augenblick auf der Suche nach einer Schule, wo ich den Unterricht so gestalten kann, wie Du ihn oben beschreibst: Handlungsorientiert, produkt- und prozessorientiert, die Lehrperson als Coach….. Für so eine Lehr- und Lernumgebung würde ich sogar nach Grüningen bzw Winterthur umziehen! Ich habe nämlich gerade eine Bewerbung in der Sekundarschule Grüningen laufen; sie suchen dort eine Lehrkraft für Französisch mit Innovationsgeist, mit Freude an Teamarbeit und Umsetzung offener Lehr- und Lernformen. Die Schülerinnen und Schüler der Sekundarschule lernen zu einem großen Teil in Ateliers. Die Lehrpersonen wirken als Lerncoaches. Hört sich gut an, oder?
    Meine Praktikumserfahrungen im Berufsschulzentrum Weinfelden haben mich etwas desillusioniert. Die Lernenden sind nicht wirklich bereit, sich auf neue Lernformen einzulassen. Zudem bleibt wenig Zeit zwischen den verschiedenen Prüfungen noch Projektarbeit zu machen. Morgen möchte ich trotzdem die Methode des kooperativen Lernens in einer Klasse ausprobieren, befürchte aber, dass die Schülerinnen erst mal nichts damit anfangen können.

    In dem Buch „Unterrichten an Berufsfachschulen“ steht auf der Seite 70 ein Satz, der sich mit meinen Erfahrungen deckt: „…., dennoch kommt unseres Erachtens den direkten Unterricht (auch Frontalunterricht genannt) in BM-Lehrgängen eine große Bedeutung zu, denn viele Untersuchungen zeigen seine Überlegenheit bei Leistungsentwicklung u.a. in hochstrukturierten Fächern“

    Allerdings habe ich auch immer wieder feststellen müssen, das Frontalunterricht die Lernenden nicht besonders motiviert, außer wenn es um eine konkrete Prüfungsvorbereitung geht. Aber auch dann ist das Unterrichten immer etwas zäh…..

    Bettina

    Kommentar von Bettina Lassen — 23/05/2011 @ 18:08 | Antworten


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