Adlehm's Blog

28/05/2011

Modularisierung

Wie lässt sich der Begriff  Modularisierung definieren und welche Vorteile bringt dieses Gestaltungsprinzip?

Bei der Lektüre von Emil Wettstein und Philipp Gonon zur Berufsbildung in der Schweiz konnte ich folgendes herauslesen:

Modularisierung ist die Gliederung von Bildungsinhalten in genau beschriebene Einheiten, die Teil verschiedener Lehrgänge sein können und in unterschiedlicher Kombination auch zu verschiedenen Bildungsabschlüssen führen (Baukastensystem).

Eine bestimmte Berufsqualifikation (d.h. erwünschte Handlungskompetenz mit einem zertifizierten formalen Abschluss) besteht also aus einer bestimmten Kombination von standardisierten Elementen (Teilqualifikationen), d.h.  sogenannten Modulen. Jedes dieser Module kann einzeln belegt werden und ist eine autonome, geschlossene Lerneinheit, die mit einem Kompetenznachweis abgeschlossen wird. Mehrere Module ergeben  einen Bausatz und führen zu einem bestimmten Berufsabschluss.

In meinem Falle ist der angestrebte Studienabschluss an der PHTG der „Master of Arts in Secondary and Higher Education“ im Fach Englisch, den ich über die Teilnahme an verschiedenen Modulen zu erreichen suche:

  • Einführung in die Erziehungswissenschaften / Empirische Bildungsforschung
  • Angewandte Erziehungswissenschaften
  • Allgemeine Didaktik
  • Fachdidaktik Englisch einschliesslich 2 Erfahrungspraktika
  • Berufspädagogik
  • Informations- und Kommunikationstechnologien
  • zusätzliche Berufsunterstützende Attestkurse, wie z.B. „Lernen durch Podcast unterstützen“.

Nur eine dieser Teilqualifikationen erwerbe ich in einem Modul zusammen mit Kollegen desselben Unterrichtsfaches, nämlich die Fachdidaktik Englisch. Alle anderen Module werden von allen Lehrer-Studenten besucht, egal ob sie ihren Lehrabschluss nun im Fach Mathematik, Physik, Biologie, Geschichte, Wirtschaft, Italienisch oder anderen machen.

Jeder Studierende ist frei zu entscheiden, wann er ein Modul durchlaufen will – sofern es in dem betreffenden Studienjahr angeboten wird. Unwissende Studienanfänger machen alle Kurse in einem Jahr und merken dann schnell, dass ihnen dabei die Puste ausgeht, so dass sie dann doch noch um mindestens 1 Semester verlängern müssen, um alle Leistungsnachweise wirklich „leistungsgerecht“ einzureichen. 🙂

Modularisierung bringt entscheidende Vorteile:

  • sie kann differenziert auf den unterschiedlichen Ausgangsqualifikationen der (Weiter)bildungsteilnehmer aufbauen (heterogene Zielgruppen mit unterschiedlicher beruflicher Qualifikation, Berufs- und Lebenserfahrung)
  • somit höhere Flexibilität (Anpassungsfähigkeit) im lebenslangen Lernen
  • gewährt leichtere Durchlässigkeit zwischen den einzelnen Bildungsgängen
  • mehr Wirtschaftlichkeit / Lernressourcenorientierung und bessere Vereinbarkeit der Weiterbildung mit Berufstätigkeit und Familie
  • individuelles, selbstbestimmtes und selbstorganisiertes Lernen (Zeit, Ort, Ressourcen)
  • transparente und kohärente Modulsysteme, Vergleichbarkeit der Bildungsabschlüsse
  • standardisierte, zertifizierte, trägerübergreifende Abschlüsse mit Arbeitsmarktwert
  • bereits erworbene Kenntnisse können angerechnet werden!!!

22/05/2011

Hochschulstudium oder Weiterbildung? Der Link der Modularisierung.

Mein Rahmenthema bei der Erarbeitung von Prüfungsfragen für das E-Assessment im BP-Kurs war die Weiterbildung in der Schweiz, d.h. der Bildungsbereich, der sich mit folgenden Worten beschreiben lässt:

  • lebenslanges Lernen
  • informelles Lernen
  • nicht-formale Bildung
  • allgemeine Weiterbildung
  • berufsorientierte Weiterbildung
  • berufsorientierte Fortbildung und Umschulung
  • Quartärbereich.

Das ist ein weites Feld und lässt sich vielleicht am ehesten so zusammenfassen, dass es das Lernen von Erwachsenen beschreibt, die nach einer unterschiedlich langen ersten Bildungsphase den organisierten Lernprozess aus beruflichen Gründen oder persönlichem Antrieb fortsetzen oder wiederaufnehmen.

Dann darf ich mich also ein sich stetig weiterbildender Erwachsener bezeichnen, denn ich habe einige Weiterbildungen nach meiner Schul- und Studienzeit auch berufsbegleitend durchlaufen und bin jetzt mit meinen didaktischen Studien an der PHTG wieder zu neuen Ufern unterwegs. Bei manchen Zeitgenossen trifft frau damit auf Unverständnis. Das Konzept des „lifelong learning“ hat sich eben noch nicht überall herumgesprochen. Bedenke man doch: „wer rastet – der rostet“ – auch im Kopf!

„Früher wurde die Weiterbildung – vor allem die allgemeine – auch Erwachsenenbildung genannt. Da diese von den Institutionen (Bund, Kantonen) gerne etwas vernachlässigt bis belächelt wurde, setzt sich der Schweizerische Verband für Erwachsenenbildung (SVEB) dafür ein, den Begriff Erwachsenenbildung konsequent mit dem Begriff Weiterbildung zu ersetzen“ und hat sich daher auch selbst in Schweizerischer Verband für Weiterbildungumbenannt (vgl. auch Emil Wettstein, Philipp Gonon: Berufsbildung in der Schweiz).

Für meine jüngeren Mitstudierenden ist das Studium zur Lehrperson Sekundarstufe II natürlich die Tertiärstufe d. h. ihre erste höhere Berufsausbildung nach der obligatorischen Schule und der Matura. Aber es gibt genauso viele ältere Mitstudierende, die sich in verschiedenen Lebensphasen zu diesem Studium (in Vollzeit oder berufsbegleitend über mehrere Semester) entschlossen haben. Ich habe mich daher gefragt, was ermöglicht es beiden Zielgruppen, diesen Ausbildungsgang trotz unterschiedlicher persönlicher Voraussetzungen, Präferenzen und Ressourcen zu durchlaufen.

Die Antwort ist: das organisatorische Gestaltungsprinzip der Modularisierung des Studienganges. Dies ist mir erst beiläufig beim Erarbeiten des Themas Weiterbildung für das E-Assessment bewusst geworden. Wettstein und Gonon schreiben dazu: „Was in der beruflichen Grundbildung die Ausnahme darstellt, ist in der Weiterbildung der Normalfall: die Modularisierung.“

Die PHTG als Bildungseinrichtung der Tertiärstufe hat hier ein probates Mittel gefunden, um heterogenen Zielgruppen die Möglichkeit zur Lehrerausbildung zu geben und dem Lehrermangel entgegen zu wirken. Lernmodule bieten „Gelegenheiten“ zum selbstbestimmten, selbstorganisierten Lernen in unterschiedlichen Zeitfenstern.

Für Wieder- oder Quereinsteiger mag man das Studium formell „Weiterbildung“ nennen, aber auf die Bezeichnung kommt es gar nicht an. Wichtig ist, dass unter dem Aspekt des lebenslangen Lernens „Lerngelegenheiten“ geschaffen werden, wo die gewünschte Bildung jedem ermöglicht wird – sofern er gewisse Zulassungsvoraussetzungen den Bildungsstand betreffend erfüllt – egal welchen Alters, ob berufstätig oder noch Mutter und Hausfrau.

16/05/2011

Exkursion ins Schweizer Bildungssystem (Teil III) – Die Berufsmaturität

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Die Berufsmaturität (Berufsreifeprüfung) – auch „Fachhochschulreife / fachgebundene Hochschulreife“ genannt – wurde 1994 eingeführt als Brücke zwischen der Berufsbildung und der akademischen Bildung. Berufslernende oder Berufsleute können so eine erweiterte und vertiefte Allgemeinbildung in Ergänzung zu ihrer beruflichen Grundausbildung erwerben. Die Absolventen erhalten eine eingeschränkte Zugangsberechtigung für ein fachgebundenes / facheinschlägiges Studium an einer Höheren Fachschule (HF) oder Fachhochschule (FH) – nicht zu verwechseln!

Wer nicht nur fachgebunden studieren möchte, kann nachträglich mit dem erfolgreichen Bestehen einer Ergänzungsprüfung – genannt „Passerelle“ – auch die Studienberechtigung für alle Universitäten oder ETH erwerben.

Die berufliche Grundbildung einschliesslich Berufsmaturität wird im Berufsbildungsgesetz (BBG) gültig seit 1. Jan. 2004, ergänzt durch die Berufsbildungsverordnung (BBV) vom 19. Nov. 2003 sowie die Berufsmaturitätsverordnung (BMV) vom 24. Juni 2009 geregelt. Das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT) ist für die Weiterentwicklung der Berufsmaturität zuständig.

Die „Berufsmaturität“ (BM) lässt sich in verschiedenen Ausbildungsgängen erwerben:

BM HMS: Die 4-jährige Ausbildung an einer Handelsmittelschule – auch „Wirtschaftsmittelschule“ bezeichnet – bietet mit dem Modell 3 + 1 (3 Jahre schuldominierte Grundbildung + 1 betriebliches Praxisjahr) eine berufsorientierte kaufmännische Vollzeitausbildung, die zunächst mit dem Eidgenössischen Fähigkeitszeugnis (EFZ) „Kaufmann / Kauffrau“ (früher „Handelsdiplom“) zu einem Berufsabschluss führt. Darüberhinaus kann die kaufmännische Berufsmaturität erworben werden.

BM IMS: Informatikmittelschulen sind spezielle Lehrgänge der HMS und „entstanden Ende der Neunzigerjahre, als rasch mehr Ausbildungsplätze für Informatiker/innen gebraucht wurden“ (E. Wettstein, P. Gonon: Berufsbildung in der Schweiz, 2009). Sie führen ebenfalls zu 2 Abschlüssen, dem Berufsabschluss EFZ „Informatiker/in“ und der kaufmännischen Berufsmaturität.

Die Berufsmatura kann auch an einer Berufsmaturitätsschule – der allgemeinbildenden Abteilung der Berufsfachschulen – absolviert werden, entweder als:

BM 1: lehrbegleitende Berufsmatura

Sie ist an eine Lehrstelle und einen Lehrvertrag gebunden. Sofern der Lehrbetrieb einverstanden ist, kann während der beruflichen Grundbildung (3- bis 4-jährige Lehre) bei einer Abwesenheit vom Lehrbetrieb von ca. 2 Tagen pro Woche sowohl der Berufskundeunterricht der Berufsfachschule (1 Tag) und der allgemeinbildende Unterricht an der BMS besucht werden. Es gibt keine Probezeit, jedoch kann die Promotion ins nächste Semester einmal provisorisch erfolgen, wenn der Lernende unter dem Notendurchschnitt liegt.

oder BM 2: als Tagesschule nach bereits erfolgtem Lehrabschluss und Erhalt des jeweiligen EFZ

a) in einem Vollzeitlehrgang von 2 Semestern oder

b) berufsbegleitend in 3 bis 4 Semestern.

Lernende der BM 2 habe ich in meinem BP-Praktikum an der BMS Winterthur als besonders leistungsbereit und motiviert erlebt. Diese jungen Erwachsenen finanzieren sich zu grossen Teilen selbst und wollen ihre Lernziele effektiv erreichen.

Für die verschiedenen Berufsbereiche gibt es 6 unterschiedliche Richtungen der Berufsmatura. Abhängig vom Lehrberuf absolviert ein Berufslernender entweder die eine oder andere BM mit unterschiedlichen Bildungsschwerpunkten und dementsprechend anderer Gewichtung von Fächern und verschiedenen Stundentafeln.

1.      Technische BM   (z.B. Elektroniker, Konstrukteur, Informatiker, Automatiker, …)

2.      Gewerbliche BM   (z.B. Bäcker, Drogist, Hotelfachfrau, Maurer, Metzger, …)

3.      Kaufmännische BM   (z.B. Kauffrau, Detailhandelskauffrau, …)

4.      Gesundheitliche und Soziale BM   (z.B. Dentalassistentin, medizin. Praxisassistentin, …)

5.      Naturwissenschaftliche BM   (z.B. Landwirt, Forstwart, Tierpfleger, Biologielaborant, …)

6.      Gestalterische BM   (z.B. Hochbauzeichner, Coiffeuse, Bekleidungsgestalter, …)

An der BMS Winterthur werden die Schüler entsprechend ihrer Berufsrichtung in „integrierten Klassen“ zusammengefasst, was ein effektives berufzielorientiertes Unterrichten durch Synergien ermöglicht. Was mein Unterrichtsfach Englisch betrifft, stellte ich fest, dass die Klassen der Gesundheitlich-Sozialen BM in allen 3 BMS-Lehrjahren jeweils 40 Lektionen erhalten, hingegen die Klassen der Technischen BM doppelt so viele im 2. Lehrjahr.

Zudem werden bei der Kaufmännischen BM die Sprachen neben Wirtschaft und Recht stärker betont als in den anderen Richtungen.

Der BMS-Unterricht kennt für alle Richtungen die gleichen 6 Grundlagenfächer: erste Landessprache, zweite Landessprache, eine dritte Sprache (z.B. Englisch), Geschichte/Staatslehre, Volks-/Betriebswirtschaft/Recht und Mathematik. Zudem gibt es die oben erwähnten richtungsspezifischen Schwerpunktfächer und Ergänzungsfächer. Das sind Wahlpflichtfächer, z.B. auch die Vorbereitung auf das First Certificate in English.

Um Interdisziplinarität zu fördern, wird Projektarbeit durchgeführt (z.B. Themennachmittage bzw. Projektwochen), wobei Kenntnisse und Fertigkeiten aus verschiedenen Fachbereichen einfliessen und auch eine eigenständige schriftliche Abschlussarbeit erstellt wird.

Vorteile der Berufmaturität:

  • mehrdimensionales Ausbildungsprofil, dass berufliche Ausbildung mit akademischer Bildung verbindet
  • wertvolle Doppelqualifikation in Verbindung mit dem EFZ
  • breite naturwissenschaftliche und sprachliche Allgemeinbildung, Grundlagen der Sozial-, Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften
  • hoher Praxisbezug
  • Lernende im Berufsleben mit erhöhter Sozial- und Selbstkompetenz (durch persönliche Reife, praktische Erfahrung und Unabhängigkeit)
  • steigert die Arbeitsmarktfähigkeit und Karrierechancen der Absolventen.

Hier noch zusammende Darstellungen:

zur  Berufsmaturität und

zum „Ausbildungsdschungel Bildungssystem Schweiz“, der aber nur vordergründig so verwirrend aussieht. Bei näherer Betrachtung kann man feststellen, dass das ganze System nicht starr, sondern in stetiger Weiterentwicklung begriffen ist und überall Wegabbiegungen und Durchlässigkeit in andere Ausbildungsgänge zulässt. Ein solches Bildungssystem, was mit der Zeit geht und lebenslanges Lernen fördert und fordert, würde ich mir auch sehr für Deutschland wünschen.

13/05/2011

Exkursion ins Schweizer Bildungssystem (Teil II) – Die Maturität / Matura

Was in Deutschland hinlänglich als Abitur bezeichnet wird, ist in der Schweiz die Matura bzw. Maturität (lat. maturitas „die Reife(prüfung)“ zum Abschluss einer höheren sekundären Schulausbildung (im Rahmen der Sekundarstufe II) nach der obligatorischen Volksschule von 9 bzw. neu 11 Schuljahren (Primar- und Sekundarstufe I).

Die Sekundarstufe II unterscheidet je nach Bildungsziel zwischen:

1. Allgemeinbildenden Bildungsgängen

an Maturitätsschulen (Gymnasien) mit dem Ziel der Studierfähigkeit. Das erste Semester gilt als Probezeit.

a) als Kurzeitgymnasium (KZG) von 4 Jahren im Anschluss an das 8. oder 9. Schuljahr der Sekundarstufe I oder

b) als Langzeitgymnasium (LZG) von 6 Jahren im direkten Anschluss an die Primarstufe

2. Berufsbildenden Ausbildungsgängen 

mit dem Ziel der Erwerbsfähigkeit in einer Berufstätigkeit.

a) 2-jährige berufliche Grundausbildung mit weniger hohen schulischen Anforderungen (ehemals „Anlehre“)  sowie dem Abschluss „Eidgenössisches Berufsattest“ (EBA)

b) klassische Berufslehre als duale Ausbildung im Lehrbetrieb über 3 Jahre mit jeweils 1 Tag in der Berufsfachschule und Lehrabschlussprüfung „Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis“ (EFZ)

c) moderne Berufslehre – auch „Betriebslehre“ genannt – als triale Ausbildung, d.h. wie b) nur zusätzlich mit überbetrieblichen Kursen von 1-2 Wochen und Lehrabschlussprüfung EFZ

d) Lehre mit praktischer Ausbildung in schuleigenen Lehrwerkstätten (hervorgegangen zumeist aus betriebsinternen Lehrlingsabteilungen) und Lehrabschlussprüfung EFZ

e) Lehre in Lehrbetriebsverbünden (als Zusammenschluss von Betrieben, die nur gemeinsam alle Teile eines Ausbildungsprogramms abdecken können) mit Lehrabschlussprüfung EFZ, wobei ein Lehrling seine jeweilige Grundbildung von seinem „Leitbetrieb“ erhält

sowie durch die Weiterentwicklung des Schweizer Bildungssystems zur Anpassung an die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes und die Forderung nach lebenslangem Lernen und damit für eine erhöhte Durchlässigkeit zwischen den Ausbildungsgängen auch viele

3. Mittelschulen

als „Mischformen in Mittelstellung“ mit doppelqualifizierendem Ziel, d.h. mit grösseren oder kleineren berufqualifizierenden Anteilen:

a) Fachmaturitätsschule / Fachmittelschule (FMS)

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b) Handelsmittelschule (HMS)

c) Informatikmittelschule (IMS)

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d) Berufsmaturitätsschule / Berufsmittelschule (BMS)

Weiterhin werden 3 verschiede Arten der Matura unterschieden:

1.      gymnasiale Maturität

2.      Fachmaturität

3.      Berufsmaturität

Der Abschluss der Matura am Gymnasium – auch „Allgemeine Hochschulreife“ genannt – berechtigt zum prüfungsfreien Zugang zu einem Studium an einer Universität oder einer Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH). Die Anforderungen an die gymnasiale Maturität sind im Maturitätsanerkennungsreglement (MAR) vom 15. Feb. 1995 festgelegt: Das sind Leistungen in

  • 7 Grundlagenfächern (erste und zweite Landessprache, eine dritte Sprache (z.B. Englisch), Mathematik, Naturwissenschaften, Geistes- und Sozialwissenschaften, Einführung in Wirtschaft und Recht, Bildnerisches Gestalten/Musik
  • 1 Schwerpunktfach (aus 8 zur Wahl stehenden, u.a. auch Sprachen, z.B. Englisch oder Russisch)
  • sowie 1 Ergänzungsfach (aus 13 Wahlpflichtfächern, u.a. auch Informatik).

Sperrklauseln bei der Auswahl verhindern billige Lösungen. Zudem wird eine Maturaarbeit als eigenständige umfangreichere schriftliche Arbeit in die Bewertung mit einbezogen.

Für Schüler, die zunächst weder die Matura noch eine Berufsausbildung anstreben, eignet sich die FMS als Nachfolgerin der früheren Diplommittelschule (DMS). Die 3-jährige Ausbildung ist schulorientiert und bietet eine allgemeine und berufliche Vollzeitausbildung in verschiedenen Fachrichtungen (z.B. Gesundheit, Pädagogik, Kunst, Musik, Theater, Tanz u.a.). Sie führt zunächst zum „Fachmittelschulausweis“, der kein Berufsabschluss ist, sondern die Zulassung zum Studium an einer Höheren Fachschule (HF). Die Fachmaturität (Fachabitur) ist hier eine zusätzliche Spezialität, die in einem weiteren Jahr erworben werden kann und notwendig für die Zulassung an gewisse Fachhochschulen (FH) ist. Auch Lernende, die nach der Oberstufe / Sekundarstufe I noch keinen Lehrbetrieb gefunden haben, nutzen die FMS oftmals für ein Brückenjahr zur Orientierung.

06/05/2011

Lernziel „Lernen“

Wie definiere ich Lernen als Weg und Ziel unter der Prämisse meines Menschenbildes von Authentizität im Lehrberuf?

Meine ehemalige Lehrerin für Deutsch und Russisch auf der Abiturstufe (Matura), die mir bis heute als Original in Erinnerung geblieben ist und prägenden Einfluss auf meine Weiterentwicklung hatte, schrieb in meine Aphorismen-Sammlung (die früher auch als „Poesiealbum“ bezeichnet wurde):

„Jung sein heißt Flügel haben,

aber Flügel hat man, um zum Ziele zu fliegen und dabei alle Kräfte auszubilden,

Geist und Liebe und Leistung und Sinn für die Schönheit des Lebens“

 (Stefan Zweig)

Lernen ist ein Prozess und eine Funktion der Zeit; das geht nicht so hoppla, hopp von heute auf morgen. Es ist ein Entdeckungsflug, auf dem der Lernende individuell die verschiedenen Facetten des Lebens kennenlernt und ausprobiert, seinen ganz eigenen Charakter ausprägt und seine Stärken langsam ausbaut. Der Weg ist schliesslich das Ziel. Und jeder hat seine ganz eigene Route.

Schliesslich soll Lernen auch nicht nur egoistischer Selbstzweck  sein und als reine Leistungserbringung bewertet werden. Es sollte auch der sozialen Gemeinschaft nützen, weshalb ausser Wissen ebenso Mitgefühl, Teamgeist und Zivilcourage wichtige Lernparameter sind. Last but not least muss Lernen auch Spass machen. Das tut es am ehesten, wenn es mit dem Lernenden selbst, seinem Vorwissen, Vorstellungen und Wünschen etwas zu tun hat, so dass es schliesslich seiner „authentischen Entwicklung“ dient und somit zum höchst möglichen Mass an Welt- und Selbsterkenntnis führt.

In diesem Sinne betrachte ich sowohl „meine Schüler“ als auch mich selbst „die Lehrperson“ als stetig LERNENDEN. So werde ich einerseits versuchen, die vorgenannte Prämissen weitestgehend in meinem Unterricht zu Gunsten der Schüler zu berücksichtigen. Andererseits werde ich selbst darum bemüht sein, die Aufgabe des Lehrens als eigene spezielle Lernsituation mit jeweils vorgegebenen äusseren Parametern, als weitestgehend individuell lehrreich und ressourcen-orientiert zu gestalten.

„Wir fassen Didaktik vorläufig als Reflexion der Aufgabe,

durch Auswahl und Anordnung von Lehrgehalten

einen Brückenschlag zu bewerkstelligen

zwischen der Welt mit ihren Leistungs- und Tradierungsansprüchen auf der einen

und dem Menschen mit seinem Bildungsanspruch auf der anderen Seite“

(ZABECK 1968, S. 103)


Nach der Lektüre von Kersten Reichs „Konstruktivistische Didaktik“ fasse ich diese als einen ethischen Weg zum Ziel des Lernen lernens auf, welcher „gehirn-gerecht“ nach Vera F. Birkenbihl gepflastert sein sollte, und gleichzeitig eine interessante „Wegführung“ anbietet, die für den „fahrenden Gesellen“ emotional ansprechend und persönlich herausfordernd ist sowie Wegabbiegungen auf neue Pfade offen lässt. „Viele Wege führen nach Rom.“ Und wer reist schon gern allein? Es macht viel mehr Spass, die Welt gemeinsam zu entdecken und sich über das Erlebte mit anderen auszutauschen und sich darüber selbst zu (er)finden.

Entsprechend versuche ich in allen Unterrichtsphasen, die 5 elementaren Handlungsstufen nach John Dewey und ebenso die verschiedenen Handlungsebenen (Realbegegnung, Repräsentation, Reflexion) und Perspektiven wie sich Lernen vollzieht (konstruktiv, re- und dekonstruktiv, kreativ, sozial, situiert, emotional und individuell) zu berücksichtigen.

Da konstruktives Lernen Zeit kostet, können Kunstgriffe im Sinne von „blended learning“ bemüht werden, d. h. Lernphasen in denen die sehr motivierten Schüler nicht unbedingt im Klassenzimmer präsent sein müssen, sondern selbständig individuelle Lernjob-Hausaufgaben-Reisen (z.B. zur Informationsrecherche / e-lerning) zwischen einzelnen Lektionen unternehmen. Alle Phasen sollten sinnvoll aus dem Kontext aufeinander aufbauen und zu einem stetigen Wachstum an Lernmöglichkeiten, Handlungsperspektiven und vielfältigen Lernergebnissen führen.

Ich begreife die Konstruktivistische Didaktik nunmehr als eine Ermöglichungsdidaktik, in der die Lehrperson als Begleiter und Initiator von Lernprozessen und Erfolgserlebnissen zwar Lernsituationen ermöglicht, selbst aber in den Hintergrund tritt, indem sie nur minimal Instruktionen erteilt. Demgegenüber konzentriert sich das Lernen an sich beim Schüler selbst als Experte seiner persönlichen „Lernbegierden“. Er wird in möglichst allen Phasen des Unterrichts selbst aktiv –  in verschiedenen Sozialformen: entweder individuell oder interaktiv mit den Mitschülern und lernt schlussendlich die Unterrichtsinhalte handlungsorientiert im Kontext über die Erstellung sinnvoller Lernprodukte (z.B. Poster, Essay, Blog …). Zudem sollten verschiedene Ressourcen und Methoden zum Einsatz kommen (Arbeitsblatt, LMS, Poster, Präsentation, Video, Web 2.0-Elemente, …).

Checkliste Unterrichtsplanung basierend auf:

  • Kersten Reich’s „Konstruktivistische Didaktik“
  • John Dewey’s „Fünf Stufen des Lernens“
  • Howard Gardener’s „Multiple Intelligenzen“


01/05/2011

Authentizität im Lehrberuf

Was ist für mich ein guter Lehrer? Welche meiner Lehrer sind mir positiv in Erinnerung geblieben und haben mich auf meinen Lebensweg nachhaltig geprägt?

Fast alle meiner früheren LehrerInnen waren gute Lehrer, vor deren Fach- und Sozialkompetenz ich natürlichen Respekt hatte. Aber nur einige wenige hatten noch etwas mehr – nämlich Authentizität und natürliches Charisma.

Nur bei diesen lernte ich nicht nur wegen der Prüfungen und Noten, sondern nahm ihnen auch persönlich ab, was sie im oder ausserhalb des Unterrichts an Lernwissen und Lebensweisheit vermittelten. Sie waren als Menschen massgebend für mein weiteres Denken und von ihnen „übernahm“ ich richtungsweisende Anregungen. Auch wenn sie konsequent und fordernd waren, umso mehr freute mich das Lob oder eine gute Benotung aus solchem kompetenten Munde

Zudem war im Gesellschaftssystem Ostdeutschlands, indem ich „erwachsen“ wurde, die Kompetenz, zwischen „Schein und Sein“ des Gegenübers unterscheiden zu können, überlebenswichtig. Andererseits war die Courage einiger Lehrer, persönliche Echtheit, Korrektheit und Integrität auch tatsächlich vorzuleben, sehr wichtig für damalige Schüler, die heute „unverbogene“ Persönlichkeiten sind und sich nicht mit allem abfinden, was von aussen auf sie einwirkt.

Damals wie heute mag ich keine Lehrer-Schauspieler. Oberste Maxime meines Denkens und Handelns als Lehrperson ist daher: „Teach it like you preach it“.  Ich werde S nur das vermitteln, wofür ich auch selbst einstehe. Und in puncto Integrität, dürfen sie mich beim Wort nehmen und dürfen darauf vertrauen, dass sie im Zentrum stehen und ich dahinter zurücktrete. Andererseits möchte und werde ich mich selbst nicht für Fremdziele verbiegen müssen.

Bei Wikipedia habe ich für meine persönliche Definition von „Authentizität“ nochmals Rückbestätigung erhalten:

Authentizität bezeichnet eine kritische Qualität von Wahrnehmungsinhalten (Gegenständen oder Menschen, Ereignissen oder menschliches Handeln), die den Gegensatz von Schein und Sein als Möglichkeit zu Täuschung und Fälschung voraussetzt. Als authentisch gilt ein solcher Inhalt, wenn beide Aspekte der Wahrnehmung, unmittelbarer Schein und eigentliches Sein, in Übereinstimmung befunden werden. Die Scheidung des Authentischen vom vermeintlich Echten oder Gefälschten kann als spezifisch menschliche Form der Welt- und Selbsterkenntnis gelten …

Angewendet auf Personen bedeutet Authentizität, dass das Handeln einer Person nicht durch äußere Einflüsse bestimmt wird, sondern in der Person selbst begründet liegt. Wenn bei einer Person allerdings die Eigenschaft, dass ihr Handeln durch äußere Einflüsse bestimmt wird, als Persönlichkeitsmerkmal oder Charakterzug bezeichnet werden kann, spricht man von einer authentischen Inauthentizität, auch von der authentisch inauthentischen Persönlichkeit. Gruppenzwang und Manipulation beispielsweise unterwandern persönliche Authentizität.

Die Sozialpsychologen Michael Kernis und Brian Goldman unterscheiden vier Kriterien, die erfüllt sein müssen, damit man sich selbst als authentisch erlebt:

  • BewusstseinEin authentischer Mensch kennt seine Stärken und Schwächen ebenso wie seine Gefühle und Motive für bestimmte Verhaltensweisen. Erst durch diese Selbstreflexion ist er in der Lage, sein Handeln bewusst zu erleben und zu beeinflussen.
  • EhrlichkeitHierzu gehört, der realen Umgebung ins Auge zu blicken und auch unangenehme Rückmeldungen zu akzeptieren.
  • KonsequenzEin authentischer Mensch handelt nach seinen Werten. Das gilt für die gesetzten Prioritäten und auch für den Fall, dass er sich dadurch Nachteile einhandelt. Kaum etwas wirkt verlogener und unechter als ein Opportunist.
  • Aufrichtigkeit – Authentizität beinhaltet die Bereitschaft, seine negativen Seiten nicht zu verleugnen.

Eine als authentisch bezeichnete Person wirkt besonders „echt“, das heißt sie vermittelt ein Bild von sich, das beim Betrachter als real, urwüchsig, unverbogen, ungekünstelt wahrgenommen wird.“

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